Piratenbengel sucht Aufmerksamkeit

Es liest sich fast wie eine Räuberpistole. Doch das, was der Berliner Pirat Sebastian Jabbusch nun in einem Offenen Brief bekannt machte, hat es in sich. Da geht es um ein knapp 18 Jahre altes Mitglied der Piratenpartei, in Jabbuschs Schreiben nur „L.B.“ genannt, der nichts besseres zu tun hat, als monatelang bei unzähligen Gelegenheiten, sei es auf Landesparteitagen oder anderer Veranstaltungen in fremde Rechnersysteme einzudringen, Daten zu klauen und damit Mitglieder zu erpressen. Sogar Nacktofos seiner eigenen Freundin, nun Ex-Freudin, soll er verbreitet haben. Und was machen die betroffenen Personen? Nichts!

L.B., auf Twitter bereits als #PiratLB verschlagwortet, zapfte angeblich WLAN Netze an, schnüffelte Passwörter aus, besorgte sich private, teilweise kompromittierende Daten, setzte Mitglieder unter Druck und verbreitete angeblich sogar Nacktfotos seiner eigenen Freundin. Nun Ex-Freundin. So heißt es in dem Offenen Brief:

L. B. wird eine Daten-Kleptomanie nachgesagt. Hat er erstmal einmal Zugriff, beginnt das Kopieren. Chatprotokolle, E-Mails, Fotos: je privater desto besser. Sein Ziel ist dabei kompromittierendes Material zu finden – „Kompromat“ wie er es nennt. Also Fotos oder Informationen, die das Opfer in der Öffentlichkeit bloß stellen würden, kriminelle Handlungen darstellen (Raubkopien anyone?), oder schlicht die Intimsphäre verletzen.

Schon Anfang des Jahres ist dieser Piratenbengel offenbar unangenehm aufgefallen und erhielt vom Landesverband der Berliner Piratenpartei zunächst ein Hausverbot. Das wurde jedoch nach einem „klärenden Gespräch“ und seinem vermutlich treuherzig vorgetragenen Versprechen „soetwas nie wieder zu tun“ aufgehoben.

Doch Bengel bleibt Bengel. Laut Jabbusch machte L.B. unbeirrt weiter. Aber welchen Sinn mag so eine Datensammelwut sonst haben? Sammeln, nur weil man es kann? Jabbusch beschreibt an mehreren Stellen, wie dieser L.B. mit seinen Taten vor anderen prahlte und sogar behauptete, im Besitz der privaten Adressen aller BKA-Beamten zu sein. Offenbar ist L.B. ein Pirat mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. So schreibt Jabbusch weiter:

Daneben fällt auf, dass L. B. teils massiv Geld ausgibt, um sich Freunde und Anerkennung zu kaufen. Er verschenkt teure Hardware, Alkohol und lädt zu großen Feiern ein. Selbst enge Freunde fühlen sich dadurch oft „gekauft“.

Man fragt sich wirklich, warum betroffene Personen dem kleinen Wichtigtuer nicht viel früher ein paar Ohrfeigen in Form einer saftigen Strafanzeige verpasst haben. Wie kann es überhaupt angehen, dass man so einen Datenkleptomanen so lange gewähren lässt?

Zunächst habe ich die ganze Geschichte für ganz großen Bullshit gehalten. Entweder interne Parteistreitigkeiten, die ein paar unerfahrene Politneulinge in der Öffentlichket austragen müssen, oder ganz allgemein eine Aktion um der Piratenpartei zu schaden, sie als Kindergartentruppe darzustellen. Kein vernünftiger Mensch lässt sich doch von so einem Kotzbrocken so lange auf der Nase herumtanzen. Ist doch vollkommen egal, was für ein toller „Hacker“ dieser L.B. eigentlich ist. Hacker ist hier sowieso das falsche Wort. Denn Hacker haben eine Ethik. Etwas, das für unseren Datenschnüffler ein Fremdwort sein muss.

Was mich bei all dem am meisten überrascht: Jabbusch bringt es fertig, in seinem Offenen Brief L.B. gegenüber auch noch so etwas wie Bewunderung auszudrücken. Ist das schon etwa eine Form von Stockholm Syndrom? Dieser Abschnitt müsste L.B. zumindest runtergehen wie Öl:

Oft ist L. B. in seinem Vorgehen sehr geschickt. […] So liegt die Partei und die sozialen Verbindungen vieler Mitglieder vor ihm wie ein Schachbrett. Wie ein Stratege bewegt er die Figuren und bringt die Springer in Stellung.

Ist das alles also eine frei erfundene Geschichte? Das ist doch alles viel zu Schräg um wahr zu sein. Aber mitnichten: Tatsächlich findet sich auf der Homepage des Landesverbandes der Berliner Piraten in einer offiziellen Stellungnahme ein Aufruf an alle Betroffenen, endlich mal Paroli zu bieten:

Wir betrachten Schlichtungsversuche der letzten Tage als gescheitert und bitten die von den im Offenen Brief beschriebenen mutmaßlichen Nötigungen und Erpressungen Betroffenen inständig, Strafanzeige zu erstatten. Die Aufklärung von Straftaten obliegt weder der Netzgemeinde noch kann sie durch Parteiorgane erfolgen. Dies ist Aufgabe der Strafverfolgungsbehörden.

Und sogar der Berliner Tagesspiegel hat sich der Geschichte angenommen. Die ganze Story erinnert mich ein wenig an einen anderen, in Piratenkreisen sogar angesehenen Berliner Piraten und leider auch Wichtigtuer. Dieser kontaktierte mich seinerzeit einmal beruflich und meinte schon in seinen ersten Sätzen mit seinen angeblich tollen Kontakten zur Vorstandsebene der Deutschen Telekom AG prahlen zu müssen. So what? Muss ich deswegen einen Knicks machen? Meine Herren, solche Leute habe ich gern.

Am Schluss wendet sich Jabbusch noch an alle „Twitterer, Blogger und Medienvertreter“:

Ich bitte zudem von einer hysterischer Berichterstattung abzusehen.

Nun, die Story hat alles was man für den Boulevard braucht: Politic Spygames, Crime & Sex. Ein reicher Junge, eine verschmähte Liebe und ganz viel Platz für Spekulationen. Soviel zum Thema „Post Privacy“. Da fällt es schwer, nicht hysterisch zu werden. Ich beende diesen Beitrag jetzt aber lieber mit einem hysterischen Kopfschütteln und kann den Piraten nur eines raten: Macht klar Schiff an Deck, sonst lauft ihr der FDP noch den Rang als einstellige Lachnummer ab.

 

Update

Im Web wird über die Causa #PiratLB bereits vielfach diskutiert. Sei es in Blogs, auf Twitter oder Google+. Neben viel Verständnis für Jabbusch schritt, ist er auch Ziel von Kritik. Sei es, weil die Piraten das Thema unter sich hätten einigen sollen, sei es, weil der Beschuldigte noch minderjährig sei. Hier einige Zitate:

Michael Bürkers in „Gebloggendings“: Pirat L.B.

Was die Konsequenzen angeht, darf natürlich trotz allem kein Schnellschuss oder gar eine Hexenjagd losgetreten werden. Selbstverständlich hat L.B. das Recht, seine Seite der Geschichte darzulegen, und obwohl ich für mich persönlich(!) seine Glaubwürdigket spürbar nach unten korrigieren würde, gilt frei nach @tarzun: Auch die unbeliebtesten Gestalten genießen in erster Näherung the benefit of the doubt.

Stefan Englert in „Englert.net“: Die Piraten und der PiratLB

Hier wird eine Person zu einem „Super-Nerd“ stilisiert, die es cool findet nach zwei Stunden Frickelei in der PHP-Conf einen Klammerfehler zu finden. Nach kurzer Rücksprache mit kompetenten Kolleginnen oder Kollegen hätte man rausfinden können, dass diese Person technisch nicht so gefährlich sein kann, wie aus den Angebereien vermutet.

Enno Lenze in „Ennos Testwelt“: Der Pirat LB

LB kenne ich selber von ein paar Begegnungen. Auf mich macht er den Eindruck einen arges Geltungsbedürnis zu haben. Leider hat er sonst nichts im Leben. Er erzählte mir wie viele Handies er in diesem Jahr hatte und versuchte sich damit zu profilieren, dass seine Eltern seine Kreditkarte bezahlen.

Stefan Meiners in „Unkreativer Weblog“: Hexen jagende Piraten?

Wenn ich das richtig sehe, ist L. B. noch nicht einmal Volljährig. Und alle, die sich gerade so herzlich daran beteiligen über ihn her zu fallen sollten sich fragen, wie sie sich selbst fühlen würden. Im schlimmsten Fall dann, wenn die Vorwürfe unwahr oder übertrieben sind.

Ein Kommentar

  1. Eierlose Piraten… wozu eine Strafanzeige, wenn man das auch mit einem ‚Code Red‘ klären könnte.

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