Schnappatmung nach Grass’scher Lyrik

Da hat unser Nobelpreisträger Günter Grass aber was vom Stapel gelassen. Ein „Gedicht“ über Israel und den Iran, über das die halbe deutsche Politik- und Medienwelt in perfekt choreographierte Schnappatmung verfällt. Kaum war die auf den Laien holprig wirkende Lyrik veröffentlicht, da hagelte es schon Gegenreden, Analysen und empörte Antisemitismus-Rufe. Von der FAZ bis zum Spiegel vom Zentralrat der Juden bis zur israelischen Botschaft in Berlin. Erstaunlich bei all der medialen Sezierung der Grass’schen Gedankenwelt: Mit den eigentlichen Vorwürfen Grass‘ an Israel wollte sich niemand so recht en détail beschäftigen.

Auf der Homepage der israelischen Botschaft ruft der Grass-Beitrag eher ein müdes Augenbrauenzucken hervor. Offenbar erwartet man von den Europäern nichts anderes. So heisst es einleitend:

Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Quelle: embassies.gov.il

Danke. Wir Europäer sind also traditionsgemäße Judenhasser. Botschaft ist angekommen. Sehr diplomatisch. Es lebe die Verallgemeinerung.

In der „Welt“ unter der Überschrift „Nicht ganz dicht, aber ein Dichter“ äußert sich „Pöblizist“ Henryk M. Broder zu Grass: Den Inhalt kann man schnell zusammen fassen: Grass ist ein Judenhasser. Er war ja auch schließlich mal bei der Waffen-SS. Thema durch. Nächster.

Natürlich lässt sich auch FAZ Mitherausgeber Frank Schirrmacher nicht lumpen und präsentiert flugs seine Analyse der Grass’schen Lyrik. Dabei entdeckt er das „Gedicht hinter dem Gedicht“. Und wer das erst einmal erkannt habe, für den kann es nur eine Antwort geben: Es ist ein „Machwerk des Ressentiments“.

Jan Fleischauer vom Spiegel versucht es in seiner Kolumne hingegen auf die ganz billige Tour. Schon im Einleitungssatz geht es los:

Alle fragen sich, was Günter Grass zu seinem Ausfall gegen Israel bewegt haben mag. Quelle: Spiegel Online

Ein ziemlich durchsichtiges Manöver, wenn man die eigene Meinung als Konsens darstellen möchte. Man stelle zu Beginn eine nicht weiter belegte Behauptung auf um der eigenen, subjektiven Einschätzung, Allgemeingültigkeit zu verleihen. Man stellt sich selbst auf die Seite einer imaginären Mehrheit. Wer aber die Diskussionen im Internet verfolgt, kommt man mitnichten zu der Erkenntnis, dass sich „alle“ über Grass‘ „Ausfall“ wundern. Allein der Blick ins eigene Spiegel Forum genügt, um dies zu widerlegen.

Die Richtung ist vorgegeben, Grass hat sich zu Israel geäußert und ist damit in Ungnade gefallen. Abschuss frei. Wer Grass schon immer eins auswischen wollte: Jetzt ist die Gelegenheit dazu.

Das Traurige an der ganzen Geschichte ist jedoch, dass all die Mahner, die einen militärischen Konflikt zwischen Israel und dem Iran unbedingt vermeiden wollen, ein weiteres mal ungehört bleiben. Der Iran ist der Feind und nur ihn gilt es zu kritisieren. Wenn es zu einem präventiven Erstschlag kommt, dann war er gerechtfertigt, denn der Iran baute „die Bombe“. Dabei haben wir das schon alles vor nicht allzu langer Zeit schon einmal gehört. Damals war es der Irak, der die ultimative Bedrohung darstellte. Doch am Ende waren das alles Lügen.

Ist zweifeln heute dennoch verboten? Ist kritisches Hinterfragen dennoch nicht erlaubt?

Natürlich wird jeder diese letzten beiden Fragen bejahen. Natürlich darf man zweifeln, natürlich darf man kritisch hinterfragen, natürlich ist nicht jede Israelkritik mit Antisemitismus gleichzusetzen. Allerdings, und das ist das Problem, welche Kritik gerechtfertig ist, wird im Zweifelsfall erst entschieden, nachdem sie geäußert wurde. Und wenn uns Deine Fresse nicht passt, bist Du ein Antisemit.

Schlimm. Denn ein inflationärer Gebrauch des Vorwurfs Antisemit ist wie ein stetiger Regen, der den Ozean füllt, in dem die wahren Antisemiten unerkannt untertauchen können. Die Angst vor deutlichen Worten gegenüber der Politik Israels ist falsch verstandene Verantwortung aus der Geschichte. Wenn das Gefühl zu stark wird, nicht mehr frei die eigene Meinung äußern zu dürfen, wird dies für die wahren Antisemiten ein gefundenes Fressen.

Ein Kommentar

  1. Dies ist leider die Traurige Wahrheit!
    Wenn man als Deutscher den Israelischen Staat kritisiert, der beim besten willen nicht gerade auch nur im Ansatz eine Weisse -weste hat, wird man als Antisemit beschimpft.
    Wo bei es mich immer noch wundert wie inflationär, aber vor allem wie Falsch dieser Begriff benutzt wird. Den es wird ja nicht der Jüdische glaube oder seine Anhänger Kritisiert, sondern ein Staat in dem solche Leben.

    Aber Kritik an dem einen, wird anscheinend auch gleichzeitig als Angriff auf das andere Gewertet!
    Also bitte, würde sich irgend jemand jetzt anfangen aufzuregen, wenn man den Deutschen Staat Kritisiert und dies als Antisemitisch bezeichnen. Den Kritik an einem Staat, scheint seit langem wieder auch Kritik an seine dort ansässigen Religionen zu sein und ihren Anhängern.

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