Die Bildfälscher von der UEFA

Ach war das ein tolles Spiel. Deutschland gegen die Niederlande. Mit Leichtigkeit tänzelte die Elf von Bundestrainer Jogi Löw über den Platz und zeigte den Holländern, wo der Gouda hängt. Schon während des Spiels war der Bundestrainer so gelöst, dass er sich mit dem Balljungen zu Scherzen aufgelegt war. In der 22. Minute, so sahen es jedenfalls die Fernsehzuschauer, schlich sich Löw an ihn heran und kickte ihm den Ball aus dem Arm. Aber Jogi ist ja ein Netter, feengleich hüpft er dem Ball hinterher und kickt ihn zurück zum verdutzt grinsenden Jungen. Und das alles mitten im Spiel. Angeschissen. Nichts ist. Die UEFA hatte uns Bilder kredenzt, die noch vor Anpfiff während der Aufwärmphase aufgenommen wurden und später ins laufende Spiel geschnitten. Ist doch egal? Nein, ist es nicht!

Wie der Stern berichtet, ist die Bildfälschung aufgefallen, als Journalisten den Bundestrainer nach dem Spiel auf seinen Scherz ansprachen und dieser antwortete, dass das Spiel zu der Zeit doch noch gar nicht angefangen hatte. Das sahen die Sportjournalisten natürlich anders. Sie verließen sich auf die Bilder, die sie und 20 Millionen andere Zuschauer doch gerade noch live im Fernsehen verfolgt hatten.

Die Macht der UEFA

Bei der Europameisterschaft ist die UEFA als Ausrichter auch alleiniger Lieferant der Bewegtbilder vom Event. Jeder Fernsehsender der sich Bildrechte gesichert hat, bekommt nur das zu sehen, was die UEFA über ihre Produktionsgesellschaft liefert. Unabhängige Filmaufnahmen aus dem Stadion gibt es nicht. In der Politik würde man von der  „gleichschaltung der Medien“ sprechen. Es gibt keine anderen Filmteams, die eigene Filmaufnahmen vom Geschehen im Stadion machen können. In der Politik undenkbar, beim Sport akzeptieren wir das.

Natürlich ist es im ureigensten Interesse der UEFA,  immer die schönsten Bilder von ihrer eigenen Veranstaltung zu senden. Nun mag man durchaus der Ansicht sein, dass diese kleine Einspielung von Jogi und dem Balljungen ohne Hinweis auf Archivaufnahmen nun doch wirklich kein Grund sind, sich darüber aufzuregen. Davon geht ja schließlich die Welt nicht unter.

Paradebeispiel der Gleichschaltung

Tut sie nicht, aber es liefert uns ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig unabhängiger Journalismus ist und mit welch‘ einfachen Mitteln sich der Gesamteindruck eines ganzen Events verfälschen lässt. Da ist es egal, ob es sich um Sport oder Weltpolitik handelt. Schließlich hat diese Einblendung genügt, neben Millionen Fernsehzuschauern, auch gestandene Sportreporter zu foppen.

Nehmen wir mal an, künftig bekommt die Regierung die alleinige Hoheit über das, was aus dem Bundestag gesendet wird. Da wäre Schluss mit Bildern von halbleeren Rängen im Plenarsaal. Selbst bei jeder kleinen Diskussionrunde, und ginge es nur um den Schutz des Feldhamsters in Oberammergau, wären die Sitze immer bis auf den letzten Platz belegt. Zumindest die der Regierungspartei.

Die Regierungspolitiker würden sowieso stets in aufmerksamer Pose, die Opposition vermutlich immer im Halbschlaf, beim Zeitunglesen oder SMS-Schreiben gefilmt. Man sendet stets das, was den ureigensten Interessen entgegen kommt. Genau das macht auch die UEFA bei der Euro 2012: den Zuschauern ein klinisch reines Turnier zu liefern.

„Ich mach‘ mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt“

 Pippi Langstrumpf

Wie ist sonst zu erklären, dass die Menschen vor dem Bildschirmen auch nicht mitbekommen haben, dass die Grünen Politiker Rebecca Harms und Werner Schulz während des Spiels ein Transparant mit der Aufschrift „Fair Play in Games And Politics“ hochgehalten haben, und damit auf die Zustände im Fall Timoschenko aufmerksam zu machen? Igitt, das ist ja Politik, das will die UEFA nicht.  Warum hat die UEFA unser Gesamtbild vom Spiel mit diesem Einspieler so verfälscht? Hat Jogi etwa wieder gepopelt und hätte das die zarte Zuschauerseele in ihren Grundfesten erschüttert?

Ist es wirklich egal, wenn uns Liveübertragungen präsentiert werden, die so nie passiert sind? Uns darf das nicht egal sein. Wenn wir eine solche Art der Bildfälschung akzeptieren, gestehen wir ein, an der Realität nur begrenztes bis gar kein Interesse zu haben.

Dann könnten alle Medien morgen auch Anfangen ihre Nachrichten mit willkürlichen  Bildern zu schmücken. Den Krieg aus Syrien mit Bildern aus dem Irak. Egal. Sieht ungefähr genauso aus. Super-Gau in Japan mit Bildern aus Tchernobyl. Verstrahlt ist Verstrahlt, wen interessieren da Details?

Also wozu  noch Events wie die Euro 2012? Wir könnten uns auch eine mehrteilige Fernsehserie anschauen, die den gleichen Namen trägt. Da wären dann wenigstens noch Special Effects mit tollen Kamerafahrten auf dem Rücken des Balls oder direkt vom Spielfeld mit drin.

Wenn ich in einer Welt voller Gleichschaltung und Schönmalerei leben möchte, dann ziehe ich nach Nord-Korea.

 

 

 

8 Kommentare

  1. Ich glaube, in Nord-Korea ist es angenehmer – wenn man sich mit dem Regime arrangiert…

    • Blödsinn!!!! Damit werden die Lebensbedingungen, die Repressalien gegen das Volk, das leiden, verhungern und sterben vieler Koreaner ins Lächerliche gezogen!!! Dieser Vergleich ist an Menschenverachtung kaum zu überbieten!!!

  2. Es ist nicht richtig, dass es keine unabhängigen Aufnahmen gibt. Je nach Spiel stellen ARD und ZDF eigene Kameras auf (beim Deutschland Spiel definitiv), die das Weltbild um eigene Bilder (unilateral) ergänzen. Auch eigene Kamerateams sind zugelassen.

    • Danke für die Information. Dann wundert mich jedoch die Aussage der ZDF-Sprecherin, die in dem Stern Artikel mit den Worten zitiert wird, auf die Bilder von dem Spiel keinen Einfluss zu haben, da diese von der UEFA kämen. Auch hier (http://www.film-tv-video.de/newsdetail+M5ddaa63d10b.html) ist zu lesen, dass das ZDF zwar mit eigenen Ü-Wagen vor Ort ist, das Bild vom Spiel selbst aber vom „Hoster“, also der UEFA übernimmt. Die eigenen Kameras sind „am Spielfeld“ positioniert sowie an den Interviewpunkten. Ich vermute mal, dass diese nur vor und nach dem Spiel eingesetzt werden.

    • ARD und ZDF könnten rein theoretisch ihre eigenen Bilder zeigen. Aber sie haben nur einen Platz an dem sie ihre Kameras aufstellen können und diese Szenen dann ordentlich in die reguläre Übertragung zu schneiden – und das live – ist praktisch unmöglich.

      Deswegen werden die Bilder nur für die Berichterstattung danach verwendet und die Live Übertragung kommt ausschließlich von der UEFA.

  3. 2. Überschrift, 1. Absatz, ”gleichgeschaltetung der Medien”, sollte wohl Gleichschaltung heißen.

    Guter Beitrag! Bin gespannt, was wir noch so alles zu sehen bekommen. 😉

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