IPv6, Herr Keuner und die SPD

Schon lange hatte ich das Problem in den Augenwinkeln, hatte aber nicht mitbekommen, wie weit die Entwicklung schon gediehen ist. Heute wurde ich nun daran erinnert. Durch einen Blogeintrag auf der Webseite der SPD. Eile ist geboten, heute werde ich versuchen, möglichst viele Leute darauf aufmerksam zu machen. Es geht um die SPD. Genauer gesagt um Herrn Keuner. Der ist entweder ein brillianter Satiriker, die digitale Wiederauferstehung von Berthold Brechts gleichnamiger Figur oder ein Paranoiker vor dem Herrn.

Es geht um die Einführung des neuen Internetprotokolls IPv6. Zugegeben, das ist für Nicht-Informatiker keine ganz so einfache Geschichte. Ich versuche es kurz zu machen, bin ja selbst keiner: Um eine Webseite im Internet aufzurufen oder eine Mail zuzustellen, müssen die Daten wissen, wohin sie sollen. Dafür gibt es die Internet-Adressen. Jedem Gerät, dass sich mit dem Internet verbindet, wird eine solche Adresse von seinem Anbieter zugeteilt.

Kleiner IPv6 Exkurs

Jeder Computer der permanent mit dem Internet verbunden ist, beispielsweise ein Web- oder Mailserver, hat eine solche Internet-Adresse. Für Menschen lesbar gemacht lauten sie für einen Webserver wie hier zum Beispiel www.nachrichtenpolizei.de. Da Computer aber lieber Zahlen mögen, lautet die wahre Adresse hinter dieser lesbaren Variante in diesem Fall 85.13.145.13. Mit diesen Adressen kommen die Daten im Internet klar und finden immer ihr Ziel.

Den Aufbau dieser Adresse bestimmt das so genannte Internetprotokoll. Was wir aktuell verwenden ist das Protokoll IPv4. Das Problem: Es ermöglicht nur eine maximale Adressierung von etwa 4,3 Milliarden Endgeräten. Und diese Grenze haben wir erreicht. Daher hat man ein neues Protokoll ersonnen. Es heisst „IPv6“ und ermöglicht sage und schreibe 320 Sextillionen Möglichkeiten. Theoretisch könnte damit also jedes Endgerät dieser Welt und all die Milliarden die in den kommenden Jahren noch dazu kommen, mit einer eigenen, eindeutig identifizierbaren Internetadresse ausgestattet werden. Ausgestattet bedeutet aber: Bei Verbindung mit dem Netz wird diese Adresse vom jeweiligen Internetzugangsanbieter dem Endgerät erst zugeteilt. Das heisst nicht, dass man sie nicht auch irgendwann ändern könnte.

Herr Keuners Ängste in der Nacht

Und eben diese eindeutige Identifizierbarkeit macht Herrn Keuner Angst. Ja, so ganz abwegig ist der Gedanke nicht, aber in der Praxis längst nicht so, wie er es sich vorstellt. Denn Herr Keuner scheint das Wesen von IPv6-Adressen nicht ganz verstanden zu haben. Wie sonst lassen sich seine teils irrwitzigen Forderungen sonst interpretieren? Es folgt eine kleine Auswahl. Der vollständige Forderungskatalog lässt sich hier nachlesen.

Verkauf und Handel eines technisches Gerätes, das bereits herstellerseitig eine feste IPv6 so implementiert hat, dass der Käufer sie nicht einfach entfernen oder durch eine andere ersetzen kann, ist bei Strafandrohung zu verbieten.

Wie gesagt, IP-Adressen werden vom Netzzugangsanbieter zugeteilt. Sie werden nicht vorinstalliert in Geräten „ausgeliefert.“ Wechselt man den Anbieter, wird man höchstwahrscheinlich auch eine neue IP-Adresse bekommen.

Die Vergabe von IPv6-Nummern (gleich für welches Gerät) darf nur auf ausdrücklichen Wunsch des Besitzers geschehen und ist auf dessen Wunsch wieder kostenfrei zu entfernen.

Stand heute bekommt man noch gar keine IPv6-Adressen. In der Übergangsphase, wenn das Internet langsam von IPv4 auf IPv6 schwenkt, werden Nutzer zunächst aus jeder Welt jeweils eine oder mehrere Adresse bekommen. Das ist notwendig, um auf alle Dienste im Netz die noch unter IPv4 oder schon IPv6 verfügbar sind, zugreifen zu können.

Aber nun diese Forderung hier: Eine IPv6 Adresse entfernen. Prima. Dann lässt man das Gerät am besten gleich abgeschaltet. Denn ohne Adresszuteilung kann man nunmal am Internet nicht teilnehmen. Und wenn irgendwann der gesamte Datenverkehr über IPv6 läuft, dann braucht man nunmal eine solche Adresse.

Genausogut könnte man fordern, dem Autokäufer sind auf Wunsch die Räder des Wagens kostenfrei zu entfernen. (Der Wagen rollt damit einfach zu gut, da könnte man ja einen Unfall bauen…)

Doch der Kalauer schlechthin ist diese Forderung:

eine IPv6 darf nicht geheim installiert werden.

Sorry, ich weiß nicht, wie ich dieser Forderung noch ernsthaft begegnen soll. Was glaubt Herr Keuner denn, was man mit einer geheimen IP so böses anstellen kann? Daher meine Vermutung: Herr Keuner ist ein SPD-Politiker mit hat Humor und hat uns alle aufs Glatteis geführt, oder… ach ich mag mir das gar nicht ausmalen.

Vielleicht sollten SPDler nicht mehr um 0:30 Uhr bloggen.

Wer ist eigentlich Herr Keuner?

Doch die größte Frage lautet: Ist Herr Keuner überhaupt Herr Keuner? Oder einfach nur jemand mit einem Faible für Bertholt Brecht, der der Person des Herrn Keuner in einer Vielzahl von kurzen Erzählungen bereits 1926 Leben einhauchte?

Eine schnelle Google-Suche ergab einen Link zu www.myspd.org. Einem offenbar im Juni frisch erstellten WordPress-Blog mit dem Slogan „denk ich an die SPD in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“. Wie passend, bloggt er doch um 00.30 Uhr auf der SPD-Webseite.

Eine whois-Abfrage ergibt, dass es Herr Keuner mit der Privatsphäre sehr genau nimmt. Registriert wurde die Domain am 7. Juni 2011 anonym über PrivacyProtect.Org. Einem Unternehmen für die anonyme Registrierung von Webadressen mit einer Postfachadresse im Australischen Queensland.

Domain Name:MYSPD.ORG
Created On:07-Jun-2011 20:34:32 UTC
Registrant Name:Domain Admin
Registrant Organization:PrivacyProtect.org
Registrant Street1:ID#10760, PO Box 16
Registrant Street2:Note - All Postal Mails Rejected

Auch die Profil-Seite auf der SPD-Homepage liefert nicht viel erhellendes. Nur dass Herr Keuner dort zum ersten Mal am 2. Juni einen Eintrag verfasst hat, sofern das Datum nicht nachträglich manipuliert wurde. Und wie netzpolitik.org schreibt, darf auf der SPD-Seite neuerdings jeder bloggen. Ob Herr Keuner der SPD überhaupt zugeneigt ist, darf wohl bezweifelt werden. Denn den Schaden hat sie nun. Was Brecht wohl dazu sagen würde?

Ich sage nur: SPD, prüfe wen Du bloggen lässt, sonst glauben wir Dir das am Ende noch!

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