Das System frißt seine Kinder

NBC News Reporter Martin Fletcher hat auf dem MSNBC Blog einen bemerkenswerten Beitrag verfasst. Darin zitiert er einen Jugendlichen, der während der Randale in London von einem Fernsehreporter gefragt wird, ob er diese Art des Protestes für angemessen hielte. Der Jugendliche antwortete: „Ja, würden Sie sonst mit mir reden?“

Da der Reporter keine Antwort mehr wusste, legte der Gefragte nach: „Vor zwei Monaten sind wir zu Scotland Yard marschiert, mehr als 2000 von uns, alles schwarze, es war friedlich und ruhig. Und weisst Du was? Nicht ein einziges Wort dazu in der Presse! Letzte Nacht nun ein bisschen Unruhe und Plünderungen und jetzt schau Dich um!“

Nachdem Fletcher das hörte schaute er sich um. Überall wurden junge Männer von Journalisten befragt. Sie hatten endlich ihre Aufmerksamkeit erlangt. Wenn auch auf fatale Weise.

Welcome to Hackney

"Welcome to Hackney" - Ausgebranntes Fahrzeug im Londoner Staddteil Hackney. Foto: (cc by sa 2.0) StolenGolem

„Die Wahrheit ist, dass die Unzufriedenheit unter der armen Bevölkerung in Großbritanniens Städten seit Jahren vor sich hin schwelt und nur wenige darauf geachtet haben“, schreibt Fletcher. „Soziale Aktivisten sagen, eines von zwei Kindern in Tottenham lebt in Armut. Es ist eine der ärmsten Gegenden Großbritanniens. Großbritanniens schlimmste Unruhen seit Jahrzehnten fanden hier zuletzt im Jahr 1985 statt. Dabei wurde ein Polizist zu Tode gehackt.“ Und nach diesen Unruhen, Fletcher zitiert wieder den jungen Mann von der Straße, „bauten sie uns ein Schwimmbad“.

Im Frühjahr protestierte Spaniens Studenten wochenlang friedlich in den Städten der Landes. Hunderttausende hatten eine Message: Wir haben keine Arbeit, keine Perspektive, Regierung, kümmere Dich zur Abwechslung mal um Dein Volk! Doch wer hat von diesen wochenlangen Protesten eigentlich etwas mitbekommen? In Deutschland waren sie in den täglichen Abendnachrichten höchstens eine Randnotiz. Als am 21. Mai junge Menschen auch in Düsseldorf versuchten, auf die Situation – die sich nicht nur in Spanien abspielt – aufmerksam zu machen, sprachen die fragenden Gesichtsausdrücke der wenigen Zuschauer Bände. „Worum geht’s?“. Insofern hat der jugendliche Randalierer aus London wohl recht. Solange nichts brennt, interessiert sich niemand für etwas.

21.Mai Proteste für mehr Demokratie in Düsseldorf

Friedlicher Protest am 21. Mai in Düsseldorf: Politiker als Marionetten in einem von der Wirtschaft beherrschten System. Foto: © Dennis Knake

Doch was nun? Das was jetzt in London passiert ist, hat nicht mehr viel mit politischem Protest zu tun. Es ist die schiere Wut einer gesellschaftlich vergessenen Gruppe. Obwohl Großbritanniens Hauptstadt zu den am besten mit Videokameras überwachten Städten der Welt gehört, war es den Randalierern irgendwann vollkommen egal, bei ihren Taten gefilmt zu werden. Nur wer ohnehin keine Perspektive mehr hat, sich ausgeschlossen oder ausgegrenzt fühlt, handelt so. Und dem ist es auch egal, ob die Häuser der Nachbarschaft dabei in Flammen aufgehen. Eine Wut auf alles und jeden der nur ein bisschen mehr besitzt als man selbst, gepaart mit Spaß an Zerstörung.

Die Unruhen von London sind auch nicht mehr Unruhen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Hier standen weiße und schwarze Kids nebeneinander und bewarfen die vollkommen überforderte Polizei mit Steinen, zündeten Autos und Wohnungen an und räumten die Geschäfte der Nachbarschaft aus. Sie machten vor niemandem mehr halt. Wo sonst die üblichen „Symbole des Kapitalismus“, wie McDonald’s- oder Starbucks-Filialen als erste in Flammen aufgingen, traf es diesmal ganz normale britische Familien mit ihren mühsam aufgebauten Existenzen.

„I’m getting my taxes back“ – Ich hole mir meine Steuern zurück, rief eine Frau einem anderen Fernsehreporter zu, der am Abend auf Sky News mitten in den Krawallen stand und versuchte, Statements der Randalierer einzuholen. Jeder ist sich selbst der nächste, lautete die Devise der Stunde. Mit Rationalität braucht man in so einem Moment nicht mehr kommen. Am Ende war selbst der Reporter der Gejagte.

Seien wir mal ehrlich: Wundern wir uns wirklich noch über derartige Gewaltausbrüche? Seit die Finanzkrise 2008 ganze Staaten in den Ruin getrieben hat, versucht sich die Politik ähnlich hilflos wie die Londoner Feuerwehr gestern, in Schadensbegrenzung. Ein Milliardenschweres Rettungspaket nach dem anderen wurde geschnürt. Es galt, Banken zu retten, angeblich damit die Bürger morgen noch ihr Geld vom Konto abheben können. Dem normalen Bürger sind solche Maßnahmen mit solchen Summen doch längst nicht mehr zu vermitteln. Was hat er auch davon gehabt? Und woher nehmen, wenn nichts mehr da ist? In welchem Land man sich auch umschaut: Sozialausgaben fallen dem Rotstift zum Opfer, das Gesundheitssystem ist überlastet, das Bildungssystem fertigt nur noch ab, statt Wissen zu vermitteln. Wer nicht Schritt hält, fällt durchs Raster.

Die Politik hat ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Nicht nur in Großbritannien. Die Banken scheinen nun zwar aus dem Gröbsten raus zu sein, dafür sind die Staaten jetzt wieder pleite. Und wenn Ratinagenturen für ein Land mal ein „A“ zu wenig aushusten, geraten weltweit die Finanzmärkte in Panik? Mit gesundem Menschenverstand lässt sich das alles nicht mehr erklären. Aber an eine strengere Regulierung traut man sich ebenfalls nicht heran. Die freien Märkte sind heilig. Eigentlich wäre jetzt die Presse gefragt, kritisch zu sein.

Und dennoch: Heute, eine Nacht nach den wohl schwersten Krawallen in England seit Jahrzehnten, sind die erschrockenen Gesichter, die wir in den Nachrichten an erster Stelle präsentiert bekommen, nicht etwa die von den Familien, die vor den verbrannten Trümmern ihrer Existenz stehen. Es sind die Gesichter der Börsenmakler, die einen turbulenten Handelstag hinter sich hatten.  Ein paar Leute, fernab von der Lebensrealität der überwiegenden Mehrheit der Menschen in Europa haben Geld verloren. Dafür gibt’s Sondersendungen und Titelbilder, während andernorts ganze Straßenzüge brennen.

So wundert es auch nicht, wenn die Reaktionen mal wieder in eine vollkommen falsche Richtung laufen: Der Ruf nach mehr Kontrolle und Überwachung. Der Grund: Die Jugendlichen haben sich per Twitter oder Blackberry-Smartphones organisiert, sich schnell gegenseitig gewarnt und so die Polizei ausgetrickst. Blackberrys bietet den Vorteil eines geschlossenen Systems und können nicht so einfach von außen mitgehört werden. Also wie immer die alte Leier: Böses Internet, böses Social Media, böses Blackberry. Ironie der ganzen Geschichte ist, dass die Jugendlichen mit den Blackberrys ein Smartphone nutzten, das besonders unter Managern und Börsianern beliebt ist.

Wieder stet zu befürchen, dass die Politik das Problem nicht an der Wurzel packt, sondern mit Aktionismus oberflächliche Kosmetik betreibt. Mit etwas Glück gibt’s vielleicht wieder ein neues Schwimmbad…

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