Scheiße aufs Podest: Einen „Grimme“ für das Dschungelcamp?

Wenn man von Scheiße umringt ist und keinen Ausweg mehr weiß, dann hilft nur noch eines: Man erzählt den Leuten einfach, die Scheiße sei gar keine Scheiße. Sie habe ja auch gute Seiten. Schon fangen alle an, in dem übel riechenden Kot feinste Nuancen von Rosenduft zu entdecken. Man könnte auch sagen: Sie riechen sich die Scheiße schön. So geschehen mit der RTL Show „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“, kurz „Das Dschungelcamp“. Im australischen Dschungel hockt eine Gruppe längt vergessener Ex-Promis auf engstem Raum zusammen und muss für die tägliche Nahrungszuteilung der Gruppe Ekelprüfungen über sich ergehen lassen. Weil es offenbar sonst nichts erhellenderes mehr für das deutsche Fernsehvolk im Privatfernsehen zu sehen gibt, adelt man die Show nun auch noch mit einer Nominierung für den Grimme Preis. Scheiße aufs Podest.

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Das „Dschungelcamp“ spaltet die Nation. Die einen sehen in der Show eine tolle Abendunterhaltung, die anderen den Anfang vom Ende des Abendlandes. Ich tendiere zu letzterem. Es waren letztendlich nicht die Islamisten, die unsere Kultur in die Knie zwangen, nein, wir haben uns ganz von selbst und freiwillig die Gehirne weggebombt. Jeden Abend saßen wir vor dem Kasten und erfreuten uns am Elend der verschwitzen Promi-Resterampe. Doch das Dschungelcamp, die kollektive Massenverblödung, blieb in unseren Köpfen. Es blieb auch am folgenden Morgen das Gesprächsthema Nummer eins. In der Straßenbahn, im Radio, auf der Arbeit und sogar die Zeitungen, online wie offline, hievten wir das Camp durch stetige Beachtung aus dem Niveaumorast.

Nein, die Show selbst ist nicht das, wofür wir uns schämen müssten. Das Dschungelcamp ist nur die logische Folge einer Verblödungsindustrie, die schon mit dümmlichen Nachmittagstalkshows begonnen hatte, noch bevor das erste „Big Brother“-Haus seine Pforten öffnete. Wir brauchen eben diese tägliche Lästerdosis. Vielleicht ist der Job Scheiße, der Chef war wieder gemein zu uns oder die Kollegen gehen uns auf den Keks? Wie schön, wenn wir wenigstens Abends zusehen können, wie sich andere zu noch viel größeren Idioten machen. So macht das Ablästern im Freundes- und Kollegenkreis am nächsten Tag gleich doppelt so viel Spaß.

Der  Mensch fühlt sich eben gut, wenn’s einem anderen Scheiße geht.

Aber ist das eine Eigenschaft, die es auch noch zu loben gilt, indem man solche Shows auf eine Stufe stellt, wo sie einfach nicht hingehören?

Es gibt nichts am Dschungelcamp, was einen Grimmepreis rechtfertigt.

Manch einer sieht das anders.

Alexander Krei vom Medienmagazin dwdl.de zum Beispiel: In seinem Kommentar „Schluss mit der Empörung“ bezeichnete er die Aufregung über die Auszeichnung als überzogen. Es wäre längst an der Zeit gewesen, diese Show zu ehren. Man verkenne den „Kern“ des Formats. Und so führt er an:

Beim Dschungelcamp werden all jene Regeln, die sich das Privatfernsehen im Laufe der Jahre angeeignet hat, vorübergehend außer Kraft gesetzt. Die Moderatoren machen keinen Hehl daraus, dass die meisten Prominenten der Kategorie D bis F nur deshalb ins Camp gegangen sind, weil auf deren Konto Ebbe herrscht.

Hört hört. Weil man also gar nicht erst verheimlicht, dass es sich bei den Kandidaten meist um verzweifelte Kreaturen handelt, die für jeden Eurocent jede noch so große Scheiße über sich ergehen lassen, ist die Show also per se schon mal besser als all der verlogene Dreck, der uns in anderen Produktionen des Privatfernsehens präsentiert wird. Apropos Regeln, von welchen Regeln ist die Rede?

Wenn es im Camp dann doch mal persönlich und ernst wird, wird gerne auf unnötige Dramatisierungen verzichtet, wie man sie in Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Das Supertalent“ inzwischen zuhauf gesehen hat.

Na, sag das doch gleich: Weil Slow-Motion Einblendungen und dramatische musikalische Untermalung zur Förderung der Tränendrüsen des Zuschauervolks unterbleibt, ist hier wahrlich ein intellektueller Geist am Werk gewesen.

Was ist nun der Kern des Formats? Dass er uns nicht im Dunkeln darüber lässt, dass wir gleich Scheiße zu sehen bekommen? Ist das die Erkenntnis jahrzehntelanger TV-Verblödung? Dass eine Show endlich so ehrlich ist und uns schon im Vorfeld auf die kommende Scheiße vorbereitet?

Nach den Statuten des Grimme-Institutes sollen mit dem Grimme-Preis Produktionen geehrt werden, die „die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Inhalt und Methode Vorbild für die Fernsehpraxis sein können.“

Ja, das Dschungelcamp hat die Massen unterhalten, keine Frage. Brot und Spiele, das hat schon im alten Rom funktioniert. Doch wollen wir eine Gesellschaft, die solche Auswüchse auch noch mit Preisen von einer Institution ehrt, die sich Medienbildung und Medienkompetenz auf die Fahnen schreibt?

Der deutsche Kabarettist Dieter Hildebrandt soll einmal gesagt haben „“Leute, fresst Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren!“

Wohl bekommt’s!

 

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